Kritik: „Loving“

Loving (Jeff Nichols, USA 2016)

Behäbiges Liebes- und Rassismus-Drama, das mit intensiver Bildsprache punkten kann, dramaturgisch aber wenig zu bieten hat.

„Ich bin schwanger“, sind die ersten Worte, die die lange Stille am Beginn von Loving zerreißen. Sie stammen von Mildred. Sie ist schwarz. Ihr Liebhaber, der Vater des Kindes, sitzt neben ihr. Sein unbeteiligter Gesichtsausdruck weicht einem infantilen Lächeln, hinter dem vergilbte Zähne zum Vorschein kommen. Sein Name ist Richard. Er ist weiß. „Gut“, antwortet er knapp. „Das ist doch schön.“ Sie wendet sich ihm zu, ist zunächst verwirrt, stimmt dann aber in sein Lächeln ein. Begeisterung sieht anders aus – Liebe allerdings nicht.

Schon mit dieser ersten Szene legt Regisseur Jeff Nichols den Grundstein für das, was in den kommenden zwei Stunden folgen wird: Melancholie, Romantik, Enge. Das gesprochene Wort ist in Loving über weite Strecken eine Ausnahmeerscheinung. Stattdessen dominieren stille Innenaufnahmen und Close-Ups von den Gesichtern der beiden Hauptfiguren, deren Liebesgeständnis zur falschen Zeit am falschen Ort kommt. Denn Richard (Joel Edgerton) und Mildred (Ruth Negga) leben im Virginia der 50er-Jahre – und dort sind Ehen zwischen Schwarz und Weiß noch immer illegal.

Deshalb schließen beide den Bund der Ehe in Washington und kehren im Anschluss in ihre Heimat zurück. Der Bauarbeiter Richard will ihr dort ein Haus bauen. Er ist klobig, wortkarg und ungebildet, kümmert sich aber mit größtmöglicher Liebe um seine Frau. Sie ist eine zarte Pflanze, zurückhaltend, mit ganzem Körper und ganzer Seele Familienmensch. Doch die glückliche Idylle bleibt nur kurze Zeit bestehen: Die örtliche Justiz bekommt Wind von der verbotenen Ehe. Sheriff und Richter – beides ungenierte Rassisten – sorgen dafür, dass Mildred und Richard den Staat verlassen müssen. Und damit auch ihre Familien.

Gut 40 Minuten sind an dieser Stelle vorbei. Loving dauert jedoch 120, die er nur mühsam zu füllen weiß. Plötzlich sind fünf Jahre vergangen, Mildred und Richard haben mittlerweile fünf Kinder. Eines Tages klingelt das Telefon: Ein Anwalt, beauftragt von der Bürgerrechtsbewegung, will ihnen helfen, nach Hause zurückzukehren. Bis dahin ist Loving ein intimes Liebes-Drama, das die Geschichte einer verbotenen Romanze erzählt. Shakespeare lässt grüßen. Doch ab diesem Zeitpunkt nimmt Loving eine explizit politische Dimension an, was angesichts der Wellen, die der Fall der beiden in der Realität geschlagen hat, auch vollkommen legitim ist. Der Film aber verliert dadurch den Fokus auf das Zusammenleben des vermeintlich ungleichen Paares: Ein ums andere Mal droht die Beziehung zu scheitern, wirklich tragisch wäre das aber nicht, denn wie sehr und ob sich die beiden überhaupt noch lieben, ist im zweiten und dritten Akt kaum erkennbar.

Da gibt es zwar immer wieder diese kleinen, warmherzigen Momente der Intimität und der Harmonie – am hervorstechendsten jener, in denen beide Besuch von einem Reporter (Michael Shannon) bekommen. Doch über weite Strecke behauptet Loving lediglich, dass sich beide lieben, zeigt es jedoch viel zu selten. Auch an anderen Stellen hat Nichols Film mit dramaturgischen Schwächen zu kämpfen: Das Finale ist unspektakulär, Spannungsspitzen enden harmlos und verkommen damit zum Selbstzweck. Generell ist Loving ein sehr berechenbarer Film. Und dennoch ein sehenswerter.

Das langsame bis zähe Erzähltempo in Kombination mit den spärlich platzierten Dialogen erfordert zwar Geduld und Durchhaltevermögen, dafür lässt Jeff Nichols aber umso mehr seine Bilder sprechen. Die Körperhaltung der Darsteller, ihre Position im Bild und ihr Zusammenspiel erzählen viel mehr über ihren (meist betrübten) Gemütszustand, als hundert Zeilen Text. Subtile Zooms, vorsichtige Kameraschwenks, entsättigte Farben: Ästhetisch lässt es Nichols ebenfalls ruhig, dafür umso intensiver angehen. Und auch wenn die Liebe zwischen Mildred und Richard noch stärker herausgearbeitet sein könnte, so ist die Kernaussage doch absolut verständlich: Liebe ist kein Verbrechen. Und jedes System, das dies anders sieht, schlicht ungerecht. Loving ist deshalb auch ein relevanter Beitrag in der aktuellen Debatte um die sogenannte Ehe für alle. Kein weltbewegender, zumindest aber einer, der das Herz berührt.

Fazit
Eine Affinität für langsames, subtiles Erzählen ist die Grundvoraussetzung für jeden, der sich Loving ansehen möchte. Aber selbst dann bekommt man keinen perfekten Film vorgesetzt: Zu berechenbar und, ja, auch ein wenig zu oberflächlich ist Jeff Nichols jüngstes Werk. Belohnt wird man dennoch: mit einer intensiven Bildsprache und einem ebenso intensiven Zusammenspiel der beiden Hauptakteure. Ein wenig mehr Mut – inhaltlich wie inszenatorisch – hätte Loving zu einem großartigen Film machen können.

Bilder & Trailer: (c) Universal

Advertisements

5 Kommentare

  1. Ich habe bisher viel Gutes zu dem Film gelesen. Ich lese mit deiner Kritik fast erstmalig eine andere Meinung.
    Ich sehe da ein paar Diskrepanzen: Zum einen kritisierst du den Film schon sehr deutlich, dafür hast du ihn aber im Gegenzug immer noch recht gut bewertet.
    Zum anderen: Ich glaube „LOVING“ basiert auf einer wahren Geschiche, kann das sein?
    Dann finde ich es schwierig ihn iszenatorisch zu kritisieren, da es ja möglich ist, dass die Geschichte nicht mehr her gibt als diese Art der Erzählung.

    Ich verstehe aber deine Kritik, wenn der Film genau so ist, wie du beschreibst, würde ich ihn mir eher nicht anschauen, zumindest nicht jetzt oder heute.
    Danke für deine Einordnung.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s