Kritik: „Assassin’s Creed“

Assassin’s Creed (Justin Kurzel, FRA/USA 2016)

Videospielverfilmung des Macbeth-Regisseurs, die weder visuell noch inhaltlich zu überzeugen weiß. Stattdessen: Eine Herausforderung für die Augen, die in philosophischem Nonsens ertränkt wird.

Als 2007 der erste Ableger der Assassin’s Creed Reihe erschien, war das für mich persönlich eine kleine Revolution: Das erste Spiel der (damals) neuen Konsolengeneration, die deren technische Passassins-creed-posterower nicht nur für hübsche Grafik, sondern auch spielmechanisch nutze. Als mittelalterlicher Attentäter Altaïr konnte man hier nämlich quasi jede Häuserwand erklimmen, indem man sich ganz einfach an Fensterrahmen, Vorsprüngen und Ziegeln entlang-hangelte – das war schon was.

Hollywood sucht neuen alten Stoff
Spätestens 2015, das den bisher letzten Teil der Reihe hervorbrachte, war der Hype dann aber in Überdruss umgeschlagen. Kein Wunder: Seit 2009 erschien jährlich ein Hauptteil, zusätzlich versorgte man die Spielerschaft mit zahlreichen kleineren Ablegern für mobile Geräte. In dieser Zeit konnte sich die Marke jedoch als höchst erfolgreiche Franchise etablieren – die transmediale Weiterverwertung war folglich unvermeidbar. Bücher und Brettspiele gibt es schon länger, ebenso wie diverse Kurzfilme, nun folgt also auch der erste Spielfilm. Die Hoffnung vieler, Regisseur Justin Kurzel könnte damit die erste wirklich gute Videospielverfilmung abliefern, wird jedoch enttäuscht.

Inhaltlich bleibt Assassin’s Creed seiner Vorlage zumindest grundsätzlich treu: Ein junger Mann wird von den Forschern der Firma Abstergo Industries, einem Ableger des Ordens der Templer, zu wissenschaftlichen Experimenten genötigt, bei denen mithilfe einer Maschine – dem Animus – die genetisch gespeicherten Erinnerungen an seine Vorfahren rekonstruiert werden können. Damit will der Megakonzern ein mächtiges Artefakt, den Edenapfel, aufspüren, der seit der Zeit der spanischen Inquisition verschollen ist. So taucht jener Mann namens Callum Lynch (Michael Fassbender) ins virtuelle 15. Jahrhundert ein, lernt Moral und Fähigkeiten seines Ahnen kennen und stellt sich schließlich seinen Entführern entgegen.

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Philosophie auf Meme-Niveau
Was in den Spielen noch als halbwegs innovative Grundlage für eine interessante Kombination aus historischem und futuristischem Szenario diente, erweist sich – wohl mangels ablenkender Interaktivität – in seiner filmischen Umsetzung als ziemlich hanebüchen. Zumal die Jagd nach dem allmächtigen Relikt hier noch um eine völlig missratene philosophische Komponente erweitert wird: Anstatt einfach nur ein Instrument zur Kontrolle der Menschheit zu sein, geht es plötzlich um die moralischen Implikationen des freien Willens, ohne den es angeblich weder Gewalt noch Verbrechen geben würde und der deshalb – mithilfe des Artefakts – endgültig abgeschafft werden soll. Allerdings kommt diese Debatte nie über Facebook-Meme-Niveau hinaus – Potenzial erfolgreich verschenkt.

Derweil ist die auch Balance zwischen den beiden narrativen Ebenen völlig unausgeglichen: Der Fokus auf die Gegenwartspassagen sorgt zeitweise für enormen Leerlauf. Die viel zu wenigen Abschnitte in der Vergangenheit verkommen hingegen zu reinen Action Sets. Deshalb gelingt es auch nicht, Callums Urahn Aguilar die eigentlich nötige charakterlicher Tiefe zu verleihen. Immerhin schafft es Fassbender, durch sein subtiles Schauspiel wenigstens aus seiner ersten Figur noch ein wenig herauszukitzeln, Leinwandpartnerin Marion Cotillard jedoch qualifiziert sich mit ihrer Performance für den Preis der steifsten und ödesten Charakterdarstellung 2016. Der Rest des Casts schwankt irgendwo zwischen okay und langweilig.

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Nette Action hinter einem braun-gelben Schleier
Wenn Macbeth – Kurzels letzte Zusammenarbeit mit Fassbender und Cotillard – eine unzweifelhafte Qualität hatte, dann war es seine Visualität. Die versucht der Regisseur auch hier auszuspielen, übertreibt es dabei aber maßlos. Eine entsättigte, monotone Braun-, Blau- und Gelbtonpalette paart sich in Assassin’s Creed mit Kontrastarmut, schwachem Lichteinfall und viel, viel Dunst. Das Ergebnis ist ein extrem dunkler Film (die Betrachtung in 3D macht das nochmal schlimmer), der optisch zum anstrengendsten gehört, was ich seit langem gesehen habe. In den immerhin schön choreografierten, aber auch viel zu hektisch inszenierten Actionsequenzen erkennt man deshalb bisweilen wenig bis nichts. Vom effektiven Zeitlupeneinsatz eines Macbeth ist ebenfalls nichts übrig geblieben, obwohl das dem Film durchaus gut getan hätte.

Immerhin schafft es Assassin’s Creed, die einzelnen Bestandteile seiner Vorlage halbwegs kohärent zu einem neuen Werk zusammenzusetzen – auch Nicht-Kenner der Spieleserie werden verstehen, wer hier warum gegen wen kämpft. In dieser Hinsicht funktioniert der Film immerhin als Adaption. Was hingegen überhaupt nicht passen will, ist die völlig unsinnige 180-Grad-Wendung einer Figur im Finale, welche einzig als Aufhänger für einen potentiellen zweiten Teil dient. Ob der auch wirklich kommt, ist fraglich. Wenigstens bestünde dann die Chance, aus sämtlichen Fehler des ersten Teils – und derer sind es nicht wenige – zu lernen.

Fazit 
Ob jemals eine realistische Chance bestand, aus Assassin’s Creed einen guten Film zu machen, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Das ist nicht passiert. Der Handlung mangelt es an Dynamik, dafür gibt es jede Menge halbherziges, philosophisches Blabla. Die hübschen Kulissen des spätmittelalterlichen Spaniens verstecken sich hinter einer düsteren Nebelwand und sind viel zu selten zu sehen, stattdessen dominieren die langweiligen grauen Wände der Abstergo-Labore. Völlig unschaubar ist Assassin’s Creed deshalb nicht – aber beileibe auch nicht empfehlenswert.

2,5

Bilder & Trailer: 20th Century Fox

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7 Gedanken zu „Kritik: „Assassin’s Creed“

  1. Pingback: Kritik: Assassin’s Creed – filmexe

  2. Pingback: Assassins Creed oder eine weitere Lizenzgurke? (Filmreview #14A von Patrick Stigler) – DerStigler

  3. Ja, ging mir mit dem Film ähnlich wie dir. Die Action war nett, aber viel zu wenig. Ich habe auch wirklich nicht verstanden, warum sie so wenig von dieser Welt im Animus gezeigt haben und stattdessen die öde Story in der Gegenwart so ausgeleiert haben. Das hat dem Ganzen dann ziemlich schnell die Luft genommen.

    Wir werden wohl weiterhin auf eine gute Video-Spiel-Verfilmung warten müssen.

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Lesenswert: Nintendo, SNES-Mini, Life Is Feudal, kindliche Games, Assassin’s Creed im Kino, Toilets of the Year | SPIELKRITIK.com

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